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Mai 07

Putten-Ladelund Loop / Erlebnisbericht

Die Frau von Putten

Die Frau von Putten (Quelle: www.putten.nl

 

Rückblick:

1944 führt die deutsche Wehrmacht im niederländischen Dorf „Putten“ eine Razzia durch.
661 Männer ab 16 Jahre werden gefangen genommen und in Konzentrationslager deportiert.
Lediglich 49 Männer überleben die anschließenden Torturen.
Ein großer Teil kommt im Konzentrationslager Ladelund ums Leben.
Unmittelbar nach dem Kriegsende nimmt Pastor Meyer aus Ladelund den Kontakt zu den Angehörigen auf.
Dadurch kommt es zu gegenseitigen Besuchen und einer Versöhnungsgeschichte, die einmalig ist.

 

Welkom in Putten

Am Montag kommen Thorsten und ich in Putten an.

 

Begegnungen, Sport, Heiterkeit, Gespräche, Emotionen, Trauer, Glück, Teamgeist, Schlaflosigkeit, Erschöpfung, Zusammenhalt, Durchhaltevermögen, Tränen, Lachen, Erschütterung, Glauben, Akzeptanz, Vergangenheit, Zukunft, Stolz, Beklommenheit, Europa, Gemeinsamkeit, Politik, Presse, Medien, Facebook, WhatsApp, Würde, Hilflosigkeit, Träume, Ziele, Freundschaft, Hoffnung, Dankbarkeit

Um alle meine Erlebnisse vom Putten-Ladelund Loop ausreichend in Worte zu fassen, müsste ich einen ganzen Roman schreiben.
So viele interessante Leute, die ich kennen lernten durfte.
Berichte, Presseartikel, Fernsehreportagen und zahlreiche Aktivitäten in den Communities bezeugen zudem die Tiefgründigkeit dieses Events.
Der sportliche Teil war ein wirksames Mittel zum Zweck, viel wichtiger jedoch das Gesamtresultat.
Unsere Botschaft „Dankbarkeit für Versöhnung und Vergebung“ ist nicht nur über 700 Kilometer ins Ziel getragen worden, sondern hinterlässt eine generationsübergreifende Erinnerung.

 

Europaparlament

Dienstag startet der Lauf und wir werden von Peter van Dalen (Europaparlament) begrüßt.

 

Seit nunmehr 10 Jahren bin ich im Laufsport aktiv, stets auf der Suche nach besonderen Begegnungen und neuen Herausforderungen.
Was mich immer wieder begeistert ist die extreme Individualität der einzelnen Sportler, die dennoch wie eine große Familie sind.
Es ist völlig egal ob man irgendeinem Verein angehört, ob man schnell, langsam, alt oder jung ist.
Wo sich Läufer begegnen, herrscht immer ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl.
Mein Wunschtraum wäre es, so ein Verhältnis unter allen Menschen zu haben.
Die Versöhnungsgeschichte von Putten und Ladelund zeigt seit vielen Jahrzehnten beispielhaft, wie wir Menschen auch nach schweren Fehlern miteinander umgehen sollten.
Jeder Mensch, der über seinen eigenen Schatten springen kann, Begegnungen zulässt und vor allem Akzeptanz zeigt, ist auf dem richtigen Weg.

 

Startphase

Den ersten Kilometer laufen wir alle gemeinsam.

 

Zusammen mit Thorsten Hansen aus Ladelund (derzeit Student in Hamburg) waren wir beide die einzigen Deutschen im Teilnehmerfeld dieser niederländischen Veranstaltung.
Eine logistische Meisterleistung, die Hauptorganisator Michel Kooij mit seinem Team ins Leben gerufen hatte.
25 Läufer waren für den Staffellauf zuständig, während sich 50 weitere Helfer um alle weiteren Dinge kümmerten.
Mit provisorischen Bettenwagen, Anhängern, einem großem Cateringwagen, mehreren Kleinbussen, zwei Dixi-Toiletten, Fernsehteam, Massageteam, Fahrradfahren und weiterem Anhang, startete unser Konvoi in Putten.
Unter dem Applaus vieler Zuschauer liefen alle Läufer den ersten Kilometer gemeinsam.
Danach waren wir in drei Teams eingeteilt, welche sich ca. alle 30 bis 55 Kilometer abwechselten.

Diana + Marieke

Marieke (in der Mitte) war meine Laufpartnerin für die schnellen Einheiten.

Team 1, erste Etappe

Kurz vor dem ersten Teamwechsel.

Unser Team war gleich für den ersten Streckenabschnitt zuständig, sowie für die ersten beiden Nachtetappen.
In den Laufpausen saßen wir im Bus, wurden zum Biwak oder zum nächsten Wechselpunkt gefahren, ließen uns massieren oder wurden aus einem reichhaltigen Lebensmittelvorrat verpflegt.

 

Linda + Michel

Zwischenstation in Engerhafe bei Aurich mit Linda Vork und Michel Kooij.

Putten TV

Stets dabei das Fernsehteam von Putten TV.

 

Zudem nahmen wir an Besichtigungen und Begegnungen teil, die sich an Mahnmälern, KZ-Gedenkstätten und Ausstellungen ergaben.
So erlebten wir neben dem sportlichen und geselligen Teil auch viele emotionale Momente.
Zahlreiche Teilnehmer blickten auf ihre persönliche Familiengeschichte zurück und besuchten erstmals die Orte, an denen ihre Väter oder Großväter gepeinigt wurden bzw. ums Leben kamen.
Als Deutscher zwischen ihnen zu sein, ließ mich dabei stets eine gewisse Beklommenheit spüren.
Doch gerade deshalb war es wichtig, als Deutscher symbolisch dabei zu sein.
Uns nachfolgenden Generationen trifft zwar keine Schuld, dafür aber die Aufgabe so etwas niemals wieder zuzulassen und die Erinnerung zu bewahren.

 

Sandbostel

In Sandbostel wird unser Biwak direkt auf dem Gelände vom Stalag XB Sandbostel errichtet.

Neuengamme

Konzentrationslager Neuengamme

 

Nach zwei Tagen waren wir restlos übermüdet und froh, in Hamburg eine Zwischenpause mit dem gesamten Team einzulegen.
An der Horner Rennbahn quartierten wir uns in der Jugendherberge ein, wo wir endlich mal wieder duschen und uns ausschlafen konnten.
Gemeinsam besichtigten wir die Gedenkstätte vom Konzentrationslager Neuengamme und am nächsten Morgen ging es von dort aus mit dem Staffellauf weiter.
Unser Team 1 wurde ab Wedel wieder für den Lauf eingeteilt.

 

Team 1

Team 1 läuft durch Schleswig-Holstein.

 

Das Wetter spielte mit und bei herrlichem Sonnenschein liefen wir durch ein blühendes Schleswig-Holstein voller Rapsfelder.
Hin und wieder tauchte der holländische Fernsehsender NOS auf, um bei diesen perfekten Bedingungen einige Filmaufnahmen zu machten.
Untereinander hatten wir uns mittlerweile näher kennen gelernt.
Große Sprachbarrieren gab es kaum, da wir uns problemlos mit einem Kauderwelsch aus Plattdeutsch, Englisch, Deutsch und Niederländisch verständigen konnten.
Unsere letzte Biwakstation richteten wir auf einem Platz hinter der Husumer Messehalle ein und fuhren dann zur offiziellen Begegnung mit Pressetermin auf die Gedenkstätte des KZ Schwesing/Engelsburg.
Nachts ging es Team 3 zur Ablösung entgehen und so liefen wir mit unserem Team 1 am frühen Morgen durch Friedrichstadt, Husum und weiter über Hattstedt nach Struckum.
Die Schlussetappe wurde von Team 2 übernommen.
Da ich noch voller Euphorie und Tatendrang steckte, durfte ich das Team wechseln, somit eine Doppelschicht einlegen und auf dieser Abschlussetappe durch meine Heimat mit dabei sein.
Was freute ich mich, als Hans Feddersen von den Floosen uns auf Rad entgegenkam und sich zu uns gesellte.

 

Dick + René

Das Ziel rückt näher und ich laufe mit Dick und René in meiner Heimat.

 

Festus vom SV Enge-Sande rief mich auf dem Handy an und wollte mit seiner Triathlon-Trainingsgruppe dazu stoßen.
Schade, dass dieses zeitlich leider in der Kürze nicht realisierbar war.
Kurz vor Stadum mussten wir für den NDR noch eine kurze Zwangspause für Filmaufnahmen und Interviews einlegen.

 

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Am Ortseingang in Stadum wartet der NDR, um Filaufnahmen und Interviews zu machen.

 

Dann ging es auf die letzten Kilometer.
Am Stadumer Schwimmbad erwartete uns ein Begrüßungskommitee der Fri Ööwingsfloose und Paja Heider vom TSV Ladelund, die sich läuferisch oder auf Fahrrad hinter uns setzten und solidarisch unsere Gruppe bis nach Achtrup begleiteten.
Auch meine Ellen war auf Rad dabei und holte sich ein Begrüßungsküsschen von mir ab.

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Am Stadumer Schwimmbad werden wir von Sportfreunden begrüßt, die uns solidarisch auf den letzten Kilometern begleiten.

 

Kurz vor Achtrup warteten alle Teilnehmer, um geschlossen den allerletzen Laufkilometer zu absolvieren.
Ein Fest der Emotionen.
Wir hatten es geschafft!
Begrüßt wurden wir von vielen Freunden und Interessierten, die mit uns gemeinsam den Abschlussmarsch von Achtrup bis nach Ladelund zelebrierten.
Ein wunderbares Erlebnis bei herrlichem Wetter.

 

Gedenkmarsch

Fotoquelle: www.shz.de

 

Mein Leben ist um eine großartige Erfahrung reicher geworden.
Es gibt nicht viele Ereignisse, die für mich einen vergleichbaren Stellenwert haben.

Vielen Dank an:
– Hans Feddersen, der mich auf dieses Projekt hingewiesen hat
– meinen Chef, der mir die notwendigen Freitage einräumte
– meine Familie, die solange auf mich verzichten musste
– Thorsten Hansen, der sein Studium extra für eine Woche unterbrach
– das Nordfriesland Tageblatt, welches täglich von unserer Tour berichtete
– Michel Kooij und sein Organisationsteam für die sagenhafte Logistig und Planung
– Marieke van Essen für die gute Teambetreuung und die schnellen Laufeinheiten
– Greet und Rick van Emous für ihre private Gastfreundlichkeit
– Rik Timmen, der beste Busfahrer der Welt
– Aron Timmen, der mit 15 Jahren unser jüngster Läufer war
– Ard Kleijer für den Beweis, dass Liegestütz auch einhändig möglich sind
– mein komplettes Team 1 mit allen Läufern (Loper), Fahrradfahrern (Fietser) und weiteren Personen
– Linda Vork und Ramon van Valburg für die tolle Public Relation
– Evert de Graaf für die gesprochenen Worte
– Rudi Kinzer, der einfach ein guter Mensch ist
– John, Kees und Sytse, die als Masseure reichlich zu tun hatten
– Peter van Essen und Joop Ploeg von Putten TV, die meinen Wagen zurückfuhren
– Jaap van Diest, der mich als Automechaniker vor dem Pannendienst gerettet hat
– alle weiteren Teams, Teilnehmer, Helfer, Unterstützer und Sponsoren
– meine Familienmitglieder, Freunde und Bekannte, die am Ende mit dabei waren
– alle Begleiter und Zuschauer, die uns so herzlich empfangen haben

Es war eine tolle Zeit mit Euch – absolut unvergesslich!

Beitrag vom NDR:
http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/schleswig-holstein_magazin/Versoehnungslauf-erinnert-an-KZ-Haeftlinge,shmag33392.html

Dokumentation im niederländischen Fernsehen:
http://www.npo.nl/nos-de-razzia-van-putten-de-weg-naar-verzoening/04-05-2015/15act0504Docu

Mein eigener Film:

4 Kommentare

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  1. Mensch

    Welch eine grandiose Idee diesen Lauf durchzuführen. Leider war es mir nicht möglich in Stadum dabei zu sein.
    Das Ganze sucht wirklich seines Gleichen. Und es ist genau so wie du es geschrieben hast, unsere Generation ist nicht für das Geschehene verantwortlich, muss aber dafür sorgen, dass so etwas nie wieder passiert.

  2. Ard Kleijer

    Frank

    Du hast es sehr schon aufgeschrieben. Es hat mich sehr gefreud ihn kennen gelernd zu haben.
    WIr hebben zusammen ein besonderes Lebenserfahrung erlebt.

    Wer nicht schnell is soll stark wesen, deshalb meiner winstmogelijkheden Liegstutz

    1. Frank

      Danke, Ard!

  3. FLo

    Mein eigener Film: https://www.youtube.com/watch?v=HBx3LhZ9BTY

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