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Mai 02

Floose goes Ultra-Marathon

Was für eine Erfahrung! Ultralauf ist wirklich in keinster Weise mit normalen Lauf-Veranstaltungen zu vergleichen. Aber jetzt mal von Beginn an….

Samstag habe ich mich mit meinem Bruder nach Osterode im Harz aufgemacht. Ziel der Reise war die Teilnahme am Hexentanz. 110km mit 3000 Höhenmetern und großem Trail Anteil. Der erste Rückschlag erfolgte schon vor dem Rennen. Veit musste Krankheitsbedingt aussteigen. Super Schade, bedenkt man die Zeit, die er ins Training investiert hat und wie heiß er auf diesen Wettkampf war.
Samstag war dann auch nicht mehr viel los. Startnummer abholen, einen großen Teller Nudeln essen und der Wettkampfbesprechung lauschen. Da hörte ich es dann auch zum ersten mal… Dein erster Ultra, und dann dieser… uhhh. Darauf folgten viele Begriffe wie technisch sehr anspruchsvoll, schwierig zu laufende Strecke, ordentliche Steigung…macht doch Mut, oder?

Sonntag ging es dann um 7:30 Richtung Thale. Von dort aus sollten wir zurück nach Osterode laufen. Wir bekamen alle einen GPS Tracker zum Nachverfolgen im Internet und machten uns bereit. Der Start erfolgte um 10 Uhr und es ging gleich super los. Statt auf unsere GPS Streckenführung zu schauen, sind wir alle dem Frontläufer hinterher. nachdem aufgefallen war, dass wir dadurch doch eine ordentlich Abkürzung gelaufen sind, bin ich mit noch 2 anderen Mitstreitern den ersten gelaufenen Kilometer gleich wieder zurück und auf den richtigen Track. Also sofort mal 2km Umweg zum Start. 😉
Danach kam gleich der erste Anstieg zum Hexentanzplatz. Da wusste man dann auch, was man von einem Rennen mit 3000HM zu erwarten hat. Man läuft nicht, man steigt nach oben. Von oben ging es Richtung erstem Versorgungspunkt bei KM19. Zumindest hätte dort einer sein sollen. Außer meinem Bruder, der mich an diesem Tag als Supporter begleitet hat, war nur noch ein weiterer Supporter anwesend. Wasser hätte man dort noch bekommen, sonst nichts.
Weiter ging es Richtung Hasselfelde zum 2 Versorgungspunkt. Nach ca. 30km eine kleine Schrecksekunde weil ich mich vertreten hab. Danach tat das Knie erstmal 5 Minuten recht doll weh und ich hatte schon Befürchtungen, dass ich das Rennen damit würde weiterlaufen müssen. Ich hatte die Woche über auch schon Probleme mit dem gleichen Knie gehabt. Glücklicherweise ging es bald wieder besser.
Die Strecke war übrigens nicht markiert, man war komplett auf sein Navigationsgerät angewiesen (danke für´s leihen Veit) und ist den einen oder anderen Meter extra gelaufen, weil es eben doch mehr als eine Möglichkeit gab, wie man weiter konnte. Eigentlich hatte ich ein Gerät von Kai Uwe geliehen, dieses hatte die Strecke aber eigenmächtig auf 69 KM gekürzt. Glücklicherweise ist mir das noch am Freitag Abend aufgefallen und Veit hat mir sein Gerät gebracht!
Der 2. Versorgungspunkt war dann deutlich besser ausgestattet als der erste. Es handelte sich hier nämlich um eine Tankstelle zur Selbstversorgung. 😉
Für mich kein Problem, ich hatte alles im Auto und mein Bruder hat auf mich gewartet.
Kurz nach dem VP bin ich auf einen Mitläufer aufgelaufen und wir sind ein gutes Stück zusammen weiter. Bei einem Rennen mit dieser Renndauer ist es nicht zu unterschätzen, wenn man sich bei einem Schwätzchen die Zeit vertreiben kann. Michael ist ein erfahrener Ultraläufer und hatte einiges zu erzählen. UTMB, PTL … er hat schon einiges hinter sich. Da kam er dann auch wieder, der Spruch. Dein erster Ultra und dann dieser!?!? Ja ja, ich hab´s kapiert 😉 Da Micha´s Beine nicht so richtig wollten, bin ich nach einiger Zeit erstmal alleine weiter. Kurz vor dem nächsten Versorgungspunkt hatte ich dann auch den ersten Marathon des Tages auf der Uhr und in den Beinen. Und auch in so einem langen Rennen, fühlt man sich danach als wäre man gerade einen Marathon gelaufen – man soll es kaum glauben. Aber es war toll! Bestes Wetter, alleine Berge hoch und runter. Durch Wälder auf kleinen oder großen Wegen. Kein Stress wegen irgendwelcher Zeit, die man sich selber auferlegt hat… Und ab hier war jeder gelaufene Kilometer eine neue Bestmarke!
Versorgungspunkt 3 durfte sich dann auch tatsächlich als ein solcher Bezeichnung. Die Auswahl war zwar nicht üppig, aber es gab ein paar Nudeln, Getränke und weitere Snacks. Da mein Magen sich nicht so toll angefühlt hat, hab ich mir dann auch ein paar Nudeln und eine Banane gegönnt und bin von meinem Ursprünglichen Plan mit viel Matodextrin Pulver abgewichen. Michael kam wenig später auch an dem VP an und nach einer kleinen Pause sind wir wieder gemeinsam weiter.
Bei KM 50 ca. hatte ich ein kleines mini Tief. Wir sind gerade einen der vielen Anstiege hoch und mir wurde etwas kalt. Außerdem ist man Berg hoch ja auch immer echt langsam. Ich dachte mir, dass wir für den Rennzeitpunkt bestimmt schneller sein müssten. Aber ich hatte ja auch keine Ahnung.
Glücklicherweise kamen zu diesem Zeitpunkt Mark und ein zweiter Michael von hinten und ich habe mich den beiden angeschlossen. Die beiden waren etwas schneller unterwegs und das mini Tief war vergessen.
Zusammen sind wir über den Wurmberg (da lag sogar Schnee) Richtung Versorgungspunkt Nummer 4 bei KM 68. Michael ist ein Ultra Marathon Urgestein und hatte sogar noch mehr zu erzählen als der erste Michael. Er ist Trainer des Meldeläufer Teams, eigentlich eher 24 Stunden Läufer und bekleidet noch einige Ämter mehr in der Ultra Szene. Das war genau der Richtige für mein Ziel diesen Laufe zu finishen. Dass er es schafft, daran gab es keinen Zweifel. Müßig zu erwähnen, dass beide den Hexentanz für einen ersten Ultra als sehr ambitioniert ansahen.
Versorgungspunkt 4 erreichten wir kurz bevor es dunkel wurde und wir machten uns klar für die Nacht. Vor uns lag noch ungefähr ein Marathon mit Temperaturen um den Gefrierpunkt auf den Bergen. Außerdem sollte jetzt der schwierigste Teil der Strecke kommen. Also mehrere Schichten Klamotten angezogen, Kaffe trinken, Vorräte auffüllen, Stirnlampe auf und los. Ach ja, ein bisschen kühlendes Gel für meinen Fuß gab es auch noch. Dieser tat genau wie das Knie auf der gleichen Seite seit ein paar Kilometern kontinuierlich weh. Ich hab´s so gut es geht ignoriert. 😉
Ich weiß nicht wer von euch schon mal in der Nacht gelaufen ist, aber mit diesem eingeschränkten Sichtfeld über einen so langen Zeitraum zu laufen ist schon eine Sache für sich. Alles was sich irgendwie laufen ließ, sind wir gelaufen, aber es gab diverse Wege, die man einfach nicht laufen konnte, wollte man nicht riskieren umzuknicken und das Rennen zu beenden. Mark ging es zu diesem Zeitpunkt nicht gut, Er war die letzten 15 Kilometer eigentlich immer einen Tick zu schnell unterwegs, weil er mit Michael  (und nun auch mir) zusammenbleiben wollten. Also sind wir die Sache etwas langsamer angegangen und haben uns seinem Tempo angepasst. Mark hat mehrfach angeboten sich zurückfallen zu lassen und mit den Nachzüglern zu laufen. Aber wir haben ihn überzeugt, dass es für uns kein Problem ist und sind zusammen weiter. Michael meinte dazu nur, wenn man zusammen in die Nacht geht, geht man auch zusammen wieder raus. Gute Einstellung!
Versorgungspunkt 5 bei KM 85 hatte seinen Namen mal wieder nicht verdient. Mitten im Wald lagen ein paar Flaschen Cola und ein Kanister Wasser. 😉 Der Punkt wurde von diversen Läufern auch komischerweise nicht gefunden.
Aber auch mein Bruder und Gerd, der Betreuer von Mark waren am Start und wir konnten nach Bedarf den Bestand auffüllen. Von dort aus ging es hoch zur Wolfswarte. Einen Großteil der 3000 Höhenmeter lagen bereits hinter uns, ein paar weitere wurden hier gesammelt.
Wenn man mit 2km/h Wege hoch oder runter geht die an ausgetrocknete Flussbetten erinnern, mit Steinen, Löchern und großen Matschflächen, die den kompletten Fuß versinken lassen, wenn man denn rein tritt, schafft man nicht wirklich viel Strecke. Und der Anteil dieser Art von Wegen war sehr groß. So brauchten wir locker 2 Stunden für 10 Kilometer, hochgerechnet also 8 Std für die letzten 40. Das war teilweise wirklich zermürbend.
Von der Wolfswarte ging es weiter Richtung Hans Kühneburg. Auf dem Weg dorthin lagen noch einmal 2 Anstiege vor uns und recht wenig laufbarer Weg. Mit gut 90 Kilometern in den Beinen, leichten Schmerzen im Fuß und Knie waren die Wege hoch und runter, wo man wirklich bei jedem Tritt aufpassen mussten schon eine Herausforderung. Zu allem Überfluss schien es, als würden die Wege noch schlechter und wir dadurch noch langsamer werden. Aber die Hauptsache ist, es ging! Schritt für Schritt kamen wir dem Ziel näher. Meine Uhr war übrigens seit KM 54 schon nicht mehr am Zählen, was die Kilometer betrifft. Ich weiß nicht ob das gut oder schlecht war, aber ich war im Blindflug unterwegs, was die restliche Strecke betraf. Ab der Wolfswarte gab es dann auch einen kleinen Schreck für alle, die mich mit dem Live Tracker verfolgt haben (viele waren es um 1 Uhr vermutlich nicht mehr 😀 ) denn mein Tracker blieb oben für 20-30 Minuten stehen. Glücklicherweise hatte er anscheinend nur kein Signal, denn kurz darauf, war ich auch virtuelle wieder bei meiner Gruppe.
7 KM vor Hans Kühneburg haben wir dann zum letzten mal unsere Betreuer getroffen, die uns für die verbleibenden Kilometer viel Glück wünschten und dann Richtung Ziel/Bett abzogen. Wir hatten für die ersten 20km seit Anbruch der Nacht tatsächlich 4 Stunden gebraucht und konnten uns ausmalen, dass das Gleiche noch einmal vor uns lag. Der Weg wurde auch hier nicht laufbarer und so kamen wir in ähnlichem Tempo wie vorher voran. Aber da jeder Schritt uns dem Ziel ein wenig näher brachte, war die Stimmung meist gut. Wir liefen dann auf die ersten Hexenstieg Läufer auf, die zu diesem Zeitpunkt nochmal 108 KM mehr als wir in den Beinen hatten. Einer von Ihnen schloss sich unserer kleinen Gruppe für die letzten 13 KM an.
Ich weiß nicht wie oft wir geschätzt haben, wie viel noch zu laufen ist und wann wir ankommen könnten, aber es war wirklich sehr oft.
Die letzten ca. 6 Kilometer (schätzungsweise) konnten wir dann tatsächlich laufen. Ich war nicht nur verwundert, dass die Strecke dies zugelassen hat, sondern vielmehr, dass der Körper noch dazu in der Lage war. Aber 6 Kilometer mit 8-10km/h geht nunmal wesentlich schneller als mit 4 und so sind wir gerne gelaufen. Mark hatte sein Tief nun endgültig überwunden und legte einen gefühlten Endspurt hin.
Um 5:06 war es dann soweit und wir sind im Ziel beim Hotel Herzer Hof eingelaufen. Überglücklich es geschafft zu haben und mit Vorfreude auf die Finisher Medaille. 🙂
Danke an meinen Bruder Andreas, ohne den ich den Lauf versorgungstechnisch nicht überstanden hätte und der sein Wochenende für mich geopfert hat. Außerdem an alle, die mit mir gefiebert und mich unterstütz haben, an Veit der mich zu diesem Lauf verleitet hat und natürlich an meine Familie, die mich für die Trainingszeiten entbehrt haben.

 

2 Kommentare

  1. Jutta u Ocke

    Schöner Bericht und Glückwunsch nochmal. Aber du weist ja „Der Schmerz geht der Stolz bleibt“

  2. Mensch

    Hammer!! Toller Bericht!!!! Wir hoffen du erholst dich gut!!!
    Sei stolz auf dich, wir sind es!!!!

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